Der Golfstrom wankt – neue Studie entdeckt mögliches Frühwarnsignal im Atlantik

Der Golfstrom gilt als eine der wichtigsten „Heizungen“ unseres Planeten. Er transportiert warmes Wasser aus den Tropen in den Nordatlantik und sorgt dafür, dass Europa deutlich milderes Klima hat als Regionen auf gleicher geografischer Breite.
Doch neue Forschung zeigt: Dieses System könnte empfindlicher sein, als lange angenommen.
Dabei geht es streng genommen nicht nur um den Golfstrom selbst, sondern um ein viel größeres Zirkulationssystem im Atlantik – die sogenannte Atlantische Umwälzströmung (AMOC). Dieses System funktioniert wie ein gigantisches Förderband: Warmes Wasser strömt nach Norden, kühlt dort ab, sinkt in die Tiefe und fließt als kalte Tiefenströmung wieder Richtung Süden.
Messungen und Rekonstruktionen deuten darauf hin, dass diese Umwälzströmung heute bereits deutlich schwächer ist als noch vor einem Jahrhundert.
Warum sich die Atlantikströmung verändert
Der Hauptgrund liegt im Süßwasserhaushalt des Nordatlantiks. Durch schmelzende Eisschilde, stärkere Niederschläge und Veränderungen im arktischen Raum gelangt mehr Süßwasser ins Meer. Dadurch sinkt der Salzgehalt – und damit die Dichte des Wassers.
Wasser, das weniger dicht ist, sinkt schlechter ab. Genau dieses Absinken im Nordatlantik treibt jedoch die Umwälzbewegung der AMOC an. Wenn dieser Prozess gestört wird, kann sich das gesamte Strömungssystem verlangsamen.
Neue Studie entdeckt mögliches Frühwarnsignal
Eine aktuelle Studie im Fachjournal Communications Earth & Environment zeigt nun einen möglichen Mechanismus, der einen Zusammenbruch der Atlantikströmung früh ankündigen könnte.
In hochauflösenden Ozeansimulationen beobachteten Forschende, dass sich der Golfstrom zunächst langsam nach Norden verschiebt, während die AMOC schwächer wird. Kurz vor einem möglichen Kollaps kommt es jedoch zu einer abrupten Veränderung.
Im Modell verschiebt sich der Golfstrom zunächst um etwa 133 Kilometer nach Norden. Anschließend folgt ein sprunghafter weiterer Versatz von rund 219 Kilometern – innerhalb von nur zwei Jahren.
Dieser plötzliche Sprung tritt im Modell etwa 25 Jahre vor dem eigentlichen Kollaps der Atlantischen Umwälzströmung auf. Die Forschenden interpretieren diese Veränderung daher als mögliches Frühwarnsignal für einen kritischen Zustand des Systems.
Auch Beobachtungen zeigen Veränderungen
Neben den Simulationen analysierte die Studie auch reale Beobachtungsdaten. Satellitenmessungen aus den Jahren 1993 bis 2024 zeigen bereits einen statistisch signifikanten Trend des Golfstroms nach Norden.
Auch Temperaturmessungen im Atlantik seit den 1960er-Jahren deuten darauf hin, dass sich die Struktur der Strömungen im Nordatlantik verändert.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Kollaps unmittelbar bevorsteht. Die Studie zeigt vielmehr, welche Signale Forschende künftig im Ozean beobachten müssen, um kritische Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
Warum das für Europa wichtig ist
Ein stark geschwächter Atlantikstrom hätte weitreichende Folgen. Niederschlagsmuster in Europa könnten sich verändern, der Meeresspiegel an der US-Ostküste schneller steigen und marine Ökosysteme sich verschieben.
Gleichzeitig könnte es paradoxerweise zu einer regionalen Abkühlung im Nordatlantik kommen – trotz global steigender Temperaturen.
Die Dynamik der Ozeane zeigt damit deutlich, wie eng Klima, Energieflüsse und globale Systeme miteinander verbunden sind. Der Ozean ist kein passiver Hintergrund des Klimas, sondern einer seiner wichtigsten Motoren. Wenn sich seine Strömungen verändern, verändert sich auch das Gleichgewicht unseres Planeten.
Quelle:
Michel et al. (2026): Abrupt Gulf Stream path changes are a precursor to a collapse of the Atlantic Meridional Overturning Circulation, Communications Earth & Environment (Nature).
Link: https://www.nature.com/articles/s43247-026-03309-1
Bild: NASA Earth Observatory / Public Domain











