Weltweiter Schwund führt zu Verschwinden eines Großteils aller Gletscher bis 2100

Anlässlich des Welttags der Gletscher am 21. März wollen wir den Fokus auf die rückläufige Entwicklung bei allen Gletschern legen. In manchen Regionen werden sie bis Ende des Jahrhunderts ganz verschwinden, in anderen bleiben Reste. Die genaue Anzahl ist stark davon abhängig, wie sich die Erderwärmung weiter entwickelt. Bei unserer momentanen klimapolitischen Situation steuern wir auf eine Erwärmung von +2,7 Grad zu, was zu einem Gletscherschwund in Europa von 97% führt, so eine neue Studie der ETH Zürich. Die Auswirkungen des Wasserspeicherverlustes in diesen Regionen wird enorm sein.
In einer neuen Studie hat ein internationales Forsschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich, der Forschungsanstalt WSL und der Vrije Universiteit Brussel berechnet, wieviele Gletscher weltweit bis Ende des Jahrhunderts übrig bleiben werden. Bei einer globalen Temperaturerhöhung von +4° C überlebt nur rund ein Zehntel aller Gletscher, bei +2,7° C rund ein Fünftel und bei +1,5° C rund die Hälfte. Jedes Zehntel Grad weniger Erderwärmung sorgt für eine Verringerung des Gletscherschwundes. „Die Ergebnisse unterstreichen, wie dringend ambitionierte Klimaschutzmassnahmen sind“, sagt Daniel Farinotti, Co-Autor und ETH-Professor für Glaziologie.
Laut der Studie seien Regionen mit vielen kleinen Gletschern, die in tieferen Höhenlagen oder nahe beim Äquator liegen – etwa die Alpen, der Kaukasus, die Rocky Mountains, die Anden sowie afrikanische Gebirge in niederen Breitengraden – besonders von dem Gletscherschwund betroffen.
„In diesen Regionen werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren voraussichtlich mehr als die Hälfte aller Gletscher verschwinden“
Lander Van Tricht, Forscher an der Professur für Glaziologie der ETH Zürich und der Forschungsanstalt WSL

Die Situation im Alpenraum
Im Alpenraum zeigt sich der Klimawandel besonders deutlich. Die fortschreitende Erwärmung führt zu mehr Wetterextremen und Naturgefahren, der Wasserhaushalt verändert sich, die alpine Infrastruktur ist zunehmend gefährdet und mit dem Verschwinden der Gletscher ändert sich das Landschaftsbild tiefgreifend.
Das Forschungsteam der ETH Zürich hat für die alpinen Gletscher errechnet, dass „bei +1,5° C-Erwärmung bis 2100 noch zwölf Prozent der Gletscher übrigbleiben (rund 430 von ca. 3000); bei +2° C überleben rund 8 Prozent oder ca. 270 Gletscher – und bei +4° C verbleiben eben nur ein Prozent oder 20 Gletscher.“
Besonders empfindlich ist dabei die Höhenlage um die Nullgradgrenze, wo sich entscheidet, ob Niederschlag als Schnee oder Regen fällt. Diese Grenze verschiebt sich seit den 1980ern alle zehn Jahre 120 bis 140 Meter nach oben.
In den Schweizer Alpen wird seit Jahren der Gletscherschwund gemessen. So verloren alle Schweizer Gletscher zusammen in den vergangenen 25 Jahren rund 38 Prozent ihres Eisvolumens. Am Aletschgletscher, dem größten Gletscher der Alpen war der Rückgang der Eismassen in den vergangenen sieben Jahren so groß, wie ein „Würfel mit einem Kilometer Seitenlänge“, erklärt Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter des Gletschermessnetzes GLAMOS.
Österreichisches Forschungsprojekt bestätigt beschleunigten Schwund in letzten 5 Jahren
In dem interdisziplinären Forschungsprojekt des österreichischen Umweltministeriums „Wasser im Klimawandel – eine Studie über die Auswirkungen“ eines gemeinsamen Forschungsteams der TU Wien, der GeoSphere Austria, der Universität Graz und der BOKU Wien wurde kürzlich das rasante Abschmelzen der heimischen Gletscher bestätigt: Bis zum Jahr 2050 werden laut ihrer Berechnungen zwischen 70 und 80 Prozent der Gletschermasse im Vergleich zu 2024 verloren gehen, wobei sich die Spanne zwischen den beiden Berechnungsergebnissen aus den unterschiedlichen möglichen Klimaszenarien ergibt.
Auffällig ist, dass sich der Prozess des Abschmelzens bereits in den vergangenen fünf Jahren beschleunigt hat und rascher voranschreitet, als Forschende dies anhand bisheriger Modellierungen angenommen hatten. Wie schnell dieser Rückgang weiter verläuft, hängt vom weiteren globalen Erwärmungspfad ab; vollständig aufhalten lässt er sich nach heutigem Kenntnisstand nicht mehr.
Damit korreliert ein weiteres Ergebnis der Studie, und zwar der deutlichen Rückgang beim Schnee: Im Mittel verkürzt sich die Schneedeckendauer in Österreich um etwa einen Tag pro Jahr, die mittlere Schneehöhe verringert sich um rund 1 cm pro Jahr. Im längeren Zeitvergleich wird das besonders sichtbar: Zwischen 1960 und 2020 hat die Schneedeckendauer in tiefen Lagen bereits um rund 60 Prozent abgenommen, die mittlere Schneehöhe um etwa 70 Prozent.
Der Österreichische Alpenverein misst ebenfalls den Verlust der Eismassen auf heimischen Gletschern. Die alarmierende Bilanz des Gletschermessdienstes besagt, dass sich 94 von 96 beobachteten Gletschern zurückziehen und dabei zu zerfallen beginnen:
Alpeiner Ferner (Tirol) und Stubacher-Sonnblick-Kees (Salzburg) verzeichnen laut aktuellem Gletscherbericht 2024/25 die größten Verluste mit einem Rückgang von über 100 Metern. Auch an der Pasterze, Österreichs größtem Gletscher, schreitet der Zerfall der Gletscherzunge weiter voran – und macht die Folgen des Klimawandels sichtbar.
„Die Gletscher schmelzen – und mit jedem neuen Bericht wächst die Dringlichkeit. Der Klimawandel ist in den Alpen längst Realität, und wir erleben seine Folgen nicht irgendwann, sondern jetzt. Es geht nicht mehr darum, ob wir die Gletscher in ihrer alten Form noch retten können; es geht darum, die Konsequenzen für uns selbst abzumildern.“
Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins
Links
Studie „Peak glacier extinction in the mid-twenty-first century“ ETH Zürich
Gletscherbericht des Alpenvereins













